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Blumen des Lebens

11.08.2026 Allgemein Keine Kommentare

 

 «Freundschaft Genossin» erschien im Sommer 2024. Ich war mit dem Endergebnis nicht zufrieden, auch nicht mit dem Lektorat.  Warum hatte ich beim neuerlichen Ausbruch des Ukraine-Krieges im Februar 2022 einfach aufgehört zu schreiben? Ich war, erschüttert, umgedreht, hatte im bereits erblühenden Text über Blumen und Menschen – im Garten der surrealen Blüten. Die Mohnblumenzeit war verloren gegangen. Als ich sechs Monate später die Arbeit wieder aufnahm und dann beendete, ging es wieder um einen Garten. Dort, in Isolation auf dem Land, finden Menschen auf der Flucht vor einer Pandemie Zuflucht, wie zu Zeiten der Pest in Italien. Mit viel Arbeit und Mühe beendete ich das Buch. Seither habe ich nur noch wenig geschrieben.

Dabei ist es wahrscheinlich, wie wenn frau vom Pferd fällt: Frau sollte dann, möglichst ohne viel nachzudenken, wieder aufs Pferd (in die Buchstaben!) steigen (oder auf das Maultier, wie Don Quichotte eines hatte) und weiterreiten.

Nachdem „Freundschaft Genossin“ veröffentlicht war, hatte ich keine Freude an dem Buch. Anstatt Lesungen mit Video aufzunehmen und ins Internet zu stellen, wie ich das früher gemacht hatte, anstatt das Buch zu bewerben und zu verteilen versteckte ich mich. Ich schämte mich ein wenig für diese Arbeit. Um mein persönliches Exemplar des Taschenbuches hatte ich einige Monate nach dem Erscheinen einen roten Faden, gewickelt, mehrfach. Und ich schrieb danach nichts mehr, ausser einige Skizzen und mein Arbeitstagebuch.

Vor einigen Wochen, nach meinem täglichen Besuch im Garten, bei den Blüten der vielfarbigen Akelei, legte ich im Atelier die drei Bücher der Trilogie vor mich auf den Schreibtisch. Ich nahm «Freundschaft Genossin», löste den vielfach gewickelten roten Faden, öffnete das Buch. An einer beliebigen Stelle las ich, und dann immer weiter. «Das ist ja richtig gut!», dachte ich, «vielleicht zu wenig bearbeitet…»

Eine Welle der Kraft erschien im Raum. Das neue Schreib-Projekt begann unspektakulär, nach langer Wartezeit, an diesem Morgen.

Ein Foto von Jonas Burgerts Gemälden hängte ich im Atelier an eine Wand. Inspiration erschien: Erste Fäden sind versponnen, Silbenfäden, Wortmalerei ist rot und grün – Augenblicke.

Nun erschienen sie langsam in meinem Atelier: Die Mütter, tiefrot. Blumen des Lebens.

 

 

Jonas Burgert „fein-bei“

 

 

Bis gestern war Mohnblumenzeit

21.07.2022 Allgemein Keine Kommentare

Noch im BLOG-BEITRAG von Juni habe ich darüber geschrieben, dass der letzte Band der Trilogie bald fertiggeschrieben sein werde. (Unterhalb dieses Beitrags ist ein Link zum jeweils vorhergegangenen Beitrag.) Nicht ganz unerwartet wandelte der Text aber plötzlich Gestalt. Es war dramatisch. Jahrelange Arbeit schien mir plötzlich Sinn und Gestalt zu verlieren. Ich war erstaunt, erschöpft, verunsichert und auch enttäuscht. Im Laufe der Wochen danach, und als schwere Geburt wandelte sich der Text vollkommen. Hier ist ein Auszug der neuen Version des Romans, der bisher den Arbeitstitel «Freundschaft Genossin» trug.

 

 

Eine tiefgehende Veränderung fand an einem Mohnblumentag statt: Umgeben von dunkelroten und orangefarbenen Blüten stand ich im unteren Teil des Gartens, stand auf der Erde, die mich und alle Menschen fraglos trägt. „Ich benötige keinen interstellaren Pass, um auf diesem Planeten Erde sein zu dürfen, keine Eignungs-Prüfung, keine Zulassung, kein Leumundszeugnis, keine Sprachkenntnisse. Diese Mutter Erde, unser wunderbarer blauer Planet, trägt mich fraglos, trägt uns alle grosszügig und ohne Unterscheidungen zwischen uns zu treffen.“ Ganz deutlich war die Erkenntnis in diesem Moment, und auch schmerzlich. Im Mohnblumenrot des Mittags stand ich  unter blauem Himmel, stand lange, setzte mich auf einen der Felstritte, sass, in der Stille.

Im Schreiben wie im Gärtnern war ich in eine Sackgasse geraten. Hatte es mit dem russisch-ukrainischen Krieg zu tun? Mit der endlosen Pandemiegeschichte, mit den Trollfarmen im Internet, mit der mir neu erscheinenden Fragilität der Demokratie als Lebensform? War ich zornig, war ich traurig?

Vom Garten ging ich direkt ins Büro und schrieb einen Satz: «Ab heute bin ich Blumenschreiberin.»

Und:

«Ich will dem Garten keine Gärtnerin mehr sein!»

Ich stieg vom illusorischen Thron der Herrscherin des Gartens und des Schreibens herab – auf die Erde. Je mehr ich die Vorstellung, Gärtnerin eines Gartens zu sein aufgegeben habe, umso klarer erscheint seither im Garten das Gewebe der Welt, das glitzernde Spinnen-Netz der Kunst. Blut und Erde, Krieg und Frieden, Hunger und Rosenduft und Holz, Rucola und kleine Raupen, Lavendel, Kohlweisslinge, Nützlinge, Schädlinge, Metamorphosen, Weisheit, was noch?

Heute ist ein Gewitter aufgezogen. Blitze und Donner dauerten nur kurz, zogen weiter. Im Frühsommerregen sitze ich nun unter dem Vordach im Freien, verzaubert, im Augenblick. Als sähe ich alles zum ersten Mal. Die Felsplatten, die zwischen den Beeten durch den Garten führen, hatten anfangs dunkle Punkte von den ersten Regentropfen. Jetzt glänzen sie regennass, schimmern grünlich. Wo genau ist diese Wolke des heftigen Regens? Ist sie genau über mir, oder schon weitergezogen? Wie lange dauert es, bis der Regen nach seiner feuchten Geburt aus den Wolken bis auf dieses Stück Erde rauscht, herunter zu mir? Existiert Zeit für einen Regenschauer? Leben die die Regenwolken und ich in verschiedenen, übereinanderliegenden Welten?

Wassertropfen fallen klingend auf das Vordach. Im Garten fallen die letzten Mohnblüten unter dem Regen. Dunkelrot und nass liegen sie wie verstreute Seidenstücke.

Bis gestern war Mohnblumenzeit.